Rezension von Leser-Welt.de vom Dezember 2009

Das Kanzlerspiel (V.S. Gerling)

Stellen Sie sich vor, Sie bekämen die Chance, der nächste Bundeskanzler zu werden, und Sie nutzen die Gelegenheit.
Nach kurzer Zeit wird Ihnen klar, dass Sie nur eine Marionette sind. Doch Sie spielen das Spiel mit, in der festen Absicht, Seilschaften und Machtmissbrauch zu beenden. Sie erfahren schnell, dass niemand Macht und Privilegien so einfach hergibt und dass einige Menschen alles, wirklich alles tun, um ihre Macht zu erhalten.
Deshalb wird ihr beispielloser Aufstieg nicht nur von Intrigen überschattet, sondern auch von der Aufdeckung abscheulichster Verbrechen begleitet, in die selbst hochrangige Politiker verstrickt sind. Sie erleben Sie und Tragödien und Sie erfahren, dass alles im Leben, jede Erkenntnis, jedes noch so selbstlose Ziel und jeder Erfolg seinen Preis hat.

V.S. Gerlings Debüt ist ein spannender, brisanter Polit-Thriller über den Machtmissbrauch in all seinen Facetten, über menschliche Abgründe und über die Sehnsucht nach Veränderung.
 
Autor: V.S. Gerling
Verlag: Periplaneta
Erschienen: 01.09.2009
ISBN: 978-3-940767-37-0
Seitenzahl: 345 Seiten

Die Grundidee der Handlung

Nachdem in Amerika ein junger und charismatischer Politiker zum Präsidenten gewählt worden ist, der den festen Willen mitbringt, das Land zu verändern, möchte eine kleine Gruppe von Politikern dies auch für Deutschland. Ihre Wahl fällt auf Jan Phillip Gerling, den Innensenator Hamburgs, der kein Blatt vor den Mund nimmt und ganz neue Ansichten und Ideen vertritt. Doch sie wollen ihn als Marionette, um ihn im Spiel der Macht zu ihren eigenen Zwecken einzusetzen. Schnell zeigt sich jedoch, dass Gerling das Spiel nicht mitspielt, und damit begibt er sich in ein Spiel aus Macht und Missbrauch und letztlich in Lebensgefahr.
Und welche Rolle spielt der undurchsichtige Jürgen Ehlers, der so viele Politiker in der Tasche zu haben scheint??

Stil und Sprache

Die Geschichte von V.S. Gerling wurde in drei Buchteile nebst Prolog und Epilog aufgebaut. Auf die jeweiligen Inhalte soll hier nicht weiter eingegangen werden, um nichts zu verraten, jedoch ist diese Aufteilung gut gelungen. Die Buchteile werden immer mit einem Zitat bekannter Persönlichkeiten zum Thema Macht begonnen und entsprechen dem Charakter der Geschichte. Die Kapitel selbst sind zwar recht lang, was jedoch nicht stört, da sie in etliche, meist kurze Abschnitte unterteilt sind. Der Autor gibt vor jedem Abschnitt den Ort, das Datum und die Uhrzeit an, was nicht nur dem Leser hilft, jederzeit den Ereignissen perfekt folgen zu können, sondern auch für eine hohe Dynamik sorgt. Dazu kommt, dass Gerling zu Beginn des Buches direkt Spannung aufbaut und die Zügel durchweg straffhält, wozu auch die regelmäßigen Cliffhanger am Ende eines Abschnittes beitragen. Durch die enorme Spannung und die Dynamik ergibt sich ein recht hohes Lesetempo, will man doch schnell noch einen weiteren Abschnitt lesen. Oder zwei, oder drei…
Zudem liebt es der Autor, Geheimnisse zu schüren. So führt er z.B. immer wieder mal Figuren ein, die er zunächst nur abstrakt bezeichnet („der alte Mann“) und deren Identität sich erst am Ende eines Abschnittes oder gar später offenbart. Informationen zu Ehlers Gefährlichkeit sickern nur langsam durch, auch lässt er den Leser immer wieder mal ein Weilchen im Unklaren darüber, was sich hinter machen Szenen verbirgt, so deckt z.B. der Leiter der BKA-Gruppe „Sicherheitstruppe” ein ungeheuerliches Geheimnis auf, von dem der Leser aber erst wesentlich später erfährt. Auch diese Mittel fördern den straffen Spannungsbogen.

Die intelligent aufgebaute und umgesetzte Geschichte spielt in recht vielen, parallelen Handlungssträngen, bei denen man jedoch nie die Übersicht verliert, sondern vielmehr jederzeit gut informiert ist. Der Autor schwebt dabei als Erzähler über allem und kann bei Bedarf auf die Gefühle aller Betroffenen eingehen. Hierdurch erhält der Leser einen guten Eindruck von den jeweiligen Situationen. Die Handlung ist dabei nicht vorhersehbar, sondern überrascht immer wieder mit Wendungen, sodass keine Langeweile aufkommt.

Insgesamt ist das Buch zu gut, als das davon auszugehen ist, dass es kein Lektorat erhalten hat, für ein lektoriertes Buch ist der Text allerdings zu fehleranfällig. Zwar nur selten, aber in steter Regelmäßigkeit stolpert man über Rechtschreibfehler, unvollständige Wörter oder falschen Satzbau, beispielsweise heißt es: „Er hatte die finanziellen Mittel und Kontakte verfügte, um den Mörder ausfindig zu machen.” Hier war der Satz wohl ursprünglich anders aufgebaut, so dass an solchen und ähnlichen Stellen bei der Korrektur übersehen wurde, die entsprechenden Wörter wieder zu streichen.
Wesentlich häufiger als über die Rechtschreib- und Satzbaufehler stolpert der Leser über fehlende Kommata, was dazu führen kann, dass der Geschichte die Betonung verloren geht, wenn man sich nicht an der richtigen Stelle das Komma wieder dazu denkt. Stellenweise wurden Kommata auch völlig falsch gesetzt und Nebensätze erzeugt, die keine sind. Nicht selten enden zudem Sätze mit einem Punkt oder Ausrufezeichen, obwohl es sich klar erkennbar um eine Frage und nicht um eine Aussage handelt.
Die Fehler werden zwar, wenn man nicht gezielt drauf achtet, schnell überlesen und stören den Lesegenuss kaum. Aber trotzdem ist es schade, denn die Geschichte von Gerling hätte ein gründlicheres Lektorat verdient.

Figuren

Der Autor führt viele seiner Figuren sanft ein, erst nach und nach gewinnen sie an Struktur und ihre Charaktere werden deutlicher. So vergleicht der Autor in manchen Fällen im späteren Verlauf der Geschichte das Aussehen der Figuren mit bekannten Persönlichkeiten. Dieses allmähliche Einführen der Figuren ist einerseits gelungen, wird der Leser nur mit dosierten Informationen konfrontiert, die Fakten stürzen nicht auf ihn ein. Andererseits ist dieser Stil ungünstig, denn manche Vorstellungen, die sich beim Leser nicht über den Charakter, sondern auch das Aussehen der Figuren gebildet haben, müssen später revidiert werden.
Insgesamt sind alle Figuren glaubhaft und realistisch, entsprechend ihrer jeweiligen Rolle sind die Personen mehr oder weniger vollständig ausgearbeitet.

Der Protagonist hat den gleichen Nachnamen wie der Autor, was mit Sicherheit kein Zufall ist, sich im Buch aber auch nicht weiter erklärt. Jan Phillip Gerling ist ehemaliger Anwalt und zu Beginn der Geschichte Innensenator von Hamburg. Er ist gutaussehend, charismatisch, ehrlich und direkt und hat die Gabe, auch unangenehme Dinge offen anzusprechen. Geprägt von schlimmen Ereignissen in seiner Vergangenheit geht er lieber den steinigen, aber aufrichtigen Weg und tut, was getan werden muss, als sich – wie fast alle Politiker – mit falschen Hoffnungen zu umgeben und sich an die Macht zu klammern, die man einmal erreicht hat.

Zunächst etwas undurchsichtig tritt Ex-Bundeskanzler Hans-Heinrich Albert auf. Es ist zunächst nicht klar, ob er für oder gegen den Protagonisten arbeitet. An dieser Stelle wird aber nicht mehr verraten, um dem Buch nichts vorwegzunehmen.

Sehr prägnant tritt der Antagonist, der Milliardär Jürgen Ehlers auf. Er ist machthungrig und skrupellos, schauspielert gut und erfüllt einflussreichen Menschen ausgefallene, tabuisierte Wünsche. Hierüber sammelt er jedoch Informationen und Beweise, um sie anschießend damit zu erpressen und in seinem perfiden Plan zu lenken. Albrecht bezeichnet Ehlers als das „personifizierte Böse”, und damit trifft er den Nagel gut auf den Kopf.

Aufmachung des Buches

Das Taschenbuch wurde vom Verlag mit einem Softcover ausgestattet. Auf der Buchfront zeigt sich eine Grafik des Bundeskanzleramtes, das mit etlichen Fäden zu einer Marionettenhalterung verbunden ist, die von einer angedeuteten Hand gehalten wird. Das Cover passt somit gut zum Buchinhalt. Die Illustration ist auf einen cremeweißen Hintergrund aufgedruckt, was der Gesamtkomposition einen leicht edlen Eindruck verleiht.

Die Schrift im Buch ist recht klein, so dass sich mit 40 Zeilen pro Seite viel Inhalt auf den 345 Seiten findet.

Fazit

Mit seinem Debütroman steigt V.S. Gerling hinein in eine Schlangengrube, in der Macht, Korruption und Gier viele derjenigen charakterisiert, die als gewählte Vertreter der Bevölkerung eigentlich eine andere Aufgabe haben. Spannend, dynamisch und intelligent geschrieben, enttäuscht nur das nicht sauber ausgeführte Lektorat, weshalb sich der Roman auch einen halben Stern Punktabzug gefallen lassen muss. Ansonsten eine klare Empfehlung.

✩✩✩✩


Hinweise

Rezension von Sven Trautmann
Herzlichen Dank an den Periplaneta-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Weitere Infos

Zur Entstehungsgeschichte des Buches
Zur Inhaltsangabe
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